Circular Economy

28.04.2021 | Sesotec

Recyclingquote, Rezyklatanteil und die Auswirkungen auf die Kunststoffindustrie

Auf dem Weg zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft ist es das erklärte Ziel von Industrie, Gesellschaft und Politik, die Abfälle von heute in Sekundärrohstoffe von morgen zu verwandeln. Mit dem Verpackungsgesetz und der erneuerten EU-Abfallrahmenrichtlinie hat die Politik bereits erste Erfolge erzielt, es bedarf jedoch strengerer Vorgaben und Kontrollen, um einen verlässlichen Markt für Rezyklate zu etablieren und Recyclingquoten weiter zu erhöhen. In diesem Artikel betrachten wir die Entwicklung der Recyclingquote und des Rezyklatanteils und deren Auswirkungen auf die Kunststoffindustrie.


Was versteht man unter der Recyclingquote?

Als Recyclingquote bezeichnet man den Anteil der tatsächlich aus dem Abfall recycelten Wertstoffe. Hier wird unterschieden in Sekundärbauteile (komplette, wiederverwertbare Bauteile) und Sekundärrohstoffe. Welche Bezugszahlen für die Berechnung der Recyclingquote jedoch genau verwendet werden, ist ebenso vielfältig wie umstritten. Denn häufig wird die Recyclingquote gleichgesetzt mit der Verwertungsquote. Während jedoch letztere auch die energetische Verwertung von Wertstoffen aus Abfall umfasst – also Energierückgewinnung durch Verbrennung und somit Ressourcenverschwendung –, schließt die Recyclingquote diese Art der Verwertung aus.

Das Kreislaufwirtschaftsgesetz definiert in Paragraph 3 Absatz 25 Recycling als „jedes Verwertungsverfahren, durch das Abfälle zu Erzeugnissen, Materialien oder Stoffen entweder für den ursprünglichen Zweck oder für andere Zwecke aufbereitet werden.“ Ferner wird ausgeführt, dass Recycling die „energetische Verwertung und die Aufbereitung zu Materialien, die für die Verwendung als Brennstoff oder zur Verfüllung bestimmt sind“ ausschließt (Absatz 23a).

Laut der Studie Stoffstrombild Kunststoffe in Deutschland 2019 werden hierzulande 99,4% der insgesamt 6,3 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle verwertet, doch nur 47% werden recycelt. Von Kunststoffabfällen aus privaten Haushalten werden sogar nur 33% recycelt. Der Grund für diese Diskrepanz ist, dass Kunststoffe in der Industrie meist sauber und sortenrein anfallen, in Haushalten jedoch stark vermischt.

Hier kommt es unter anderem auf die richtige Mülltrennung durch die Verbraucher an, denn vermischte Abfälle sind schwierig zu recyceln. Je besser zuhause getrennt wird, desto leichter können die unterschiedlichen Verpackungen in den Anlagen  sortiert und folglich auch recycelt werden.




EU-Abfallrahmenrichtlinie

Um die Recyclingquote bei Siedlungsabfällen zu erhöhen, wurde 2018 die EU-Abfallrahmenrichtlinie von 2008 nochmals verschärft. Sah die ursprüngliche Richtlinie bis 2020 für jedes Land eine Recyclingquote von 50% für bestimmte Materialien vor, sind es laut der novellierten Abfallrahmenrichtlinie (EU-RL 2018/851/EG) bis 2025 55%, 60% bis 2030 und sogar 65% bis 2035. Auch hat sich mit den neuen EU-Vorgaben die Berechnung der Recyclingquote geändert. Bisher orientieren sich die EU-Mitgliedstaaten an sogenannten Inputberechnungen. Das heißt, es wird gezählt, was aus einem Sammelsystem ins Recycling gelangt. Künftig gelten EU-weit Output-orientierte Quoten. Es gelten somit nur solche Abfälle als recycelt, die auch tatsächlich wiederverwertet werden. Um eine einheitliche Anwendung der Berechnungsvorschriften zu gewährleisten, hat die EU-Kommission konkrete Berechnungs- und Messungspunkte für die häufigsten Abfälle und Recyclingverfahren festgelegt.

 

Wie hat sich die Recyclingquote bei Kunststoff in den letzten Jahren entwickelt?

2019 fielen in Deutschland 6,28 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an. Etwa 85,2% dieser Abfälle entstanden nach Gebrauch (sog. Post-Consumer-Abfälle). Die restlichen 14,8% fielen bei der Herstellung und vor allem bei der Verarbeitung von Kunststoffen an. Das klingt nach jeder Menge Recycling-Material. Doch weit gefehlt. Wie aus dem 2019 von der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichten Plastikatlas hervorgeht, werden 60% unseres Plastikmülls "energetisch verwertet". Die restlichen knapp 40 Prozent werden recycelt.


Entwicklung des Recyclings von Kunststoffverpackungen

Laut der IK Industrie­vereinigung Kunststoff­verpackungen e.V lässt sich seit In-Kraft-Treten des deutschen Verpackungsgesetzes im Jahr 2019 ein deutlicher Positivtrend bei den Recyclingquoten von Kunststoffverpackungen beobachten. Diese sind, wie einer Studie der GVM Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung zu entnehmen ist, in 2019 im Bereich des privaten Endverbrauchs um 12,3% gestiegen. Demzufolge liegen im Jahr 2019 Kunststoffverpackungen bei Quoten von insgesamt 55,2%, bezogen auf den Gesamtmarkt. So konnte laut der ZSVR (Zentrale Stelle Verpackungsregister) die sehr ambitionierte gesetzliche Recyclingquote von 58,5% nahezu erreicht werden.

IK-Geschäftsführerin Dr. Isabell Schmidt zeigt sich erfreut über diese Entwicklung: „Der sprunghafte Anstieg des Recyclings ist ein grandioser Erfolg des neuen Verpackungsgesetzes, für das sich unsere Branche eingesetzt hat.“

Gleichzeitig betont Schmidt, dass nun die Kreislaufwirtschaft weiter an Fahrt aufnehmen müsse und es jetzt darum ginge, die finanziellen Anreize für recyclingfähiges Verpackungsdesign zu stärken, damit sich Investitionen in neue Verpackungsdesigns auch für jedermann bezahlt machen. Für 2022 ist eine erneute Überprüfung des Verpackungsgesetzes angedacht.

 

Was versteht man unter Rezyklaten?

Der Begriff „Rezyklat“ findet vor allem in der Kunststoffindustrie Verwendung und steht synonym für wieder aufbereitete Kunststoffabfälle. Rezyklate werden je nach Zustand der zu recycelnden Kunststoffabfälle mittels unterschiedlicher Wiederaufbereitungsverfahren gewonnen. Grundsätzlich werden Kunststoffrezyklate in zwei Kategorien unterteilt: „Post Industrial Rezyklate“ und „Post Consumer Rezyklate“.




Post Industrial Rezyklate

Post Industrial Rezyklate werden aus industriellen Abfällen gewonnen, die während des Produktionsprozesses als Ausschuss anfallen. Meist fallen sie sortenrein an und können somit ohne großen Sortier- und Reinigungsaufwand mit Hilfe spezieller Kunststoffmühlen zerkleinert und wiederverwertet werden. Post Industrial Rezyklate sind aufgrund des sauberen Ausgangsmaterials besonders hochwertig und werden aus diesem Grund von vielen Unternehmen bevorzugt eingesetzt. Und doch gibt es Anwendungsbereiche wie Lebensmittel, Kosmetik und Pharma, in denen selbst die sortenreinen Post Industrial Rezyklate aufgrund höchster Anforderungen an Produktsicherheit und-hygiene nicht oder nur begrenzt eingesetzt werden dürfen.

 

Post Consumer Rezyklate 

Diese Rezyklate werden aus den Abfällen der Endverbraucher, sprich dem gelben Sack bzw. der gelben Tonne, gewonnen. Post Consumer Abfälle werden gesammelt, nach Kunststoffart (PP, PE, PS) sortiert, zerkleinert, gewaschen und anschließend zu Kunststoffgranulat geschmolzen. Da im gelben Sack Verpackungen aus unterschiedlichsten Plastiksorten vermischt sind, ist die Aufbereitung zu hochwertigem Rezyklat anspruchsvoller und bedarf modernster Recycling- und Sortieranlagen.  

 


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Entwicklung des Rezyklatanteils und die Folgen für die Kunststoffindustrie

Rezyklate werden als Rohstoff für neue Kunststoffprodukte immer wichtiger. Das zeigte auch das 2019 erschienene Stoffstrombild Kunststoffe in Deutschland. So wurden 2019 13,7% der gesamten Kunststoffverarbeitungsmenge durch Rezyklate gedeckt. Seit der letzten Erhebung 2017 stieg die Rezyklatmenge pro Jahr um rund 5%. Doch es gibt beim Einsatz von Rezyklaten noch deutlich Luft nach oben.

Die IK (Industrievereinigung Kunststoffverpackungen) sieht die Haupthemmnisse für den Rezyklateinsatz in der mangelnden Verfügbarkeit und teilweise minderwertigen Qualität des Rezyklatmaterials. Recycler und Entsorgungsverbände fordern daher schon seit Mitte 2020 Maßnahmen der Politik. Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller von den Grünen warb beim Ressourceneffizienz- und Kreislaufwirtschaftskongress in Stuttgart für einen „verpflichtenden Rezyklatanteil bei Kunststoffen". Der Bundesrat jedoch wies die Forderung nach nationalen Rezyklat-Einsatzquoten für bestimmte Produkte zurück. Der Grund: Während Kunststoff-Rezyklate in vielen Bereichen, wie im Bau-, Verpackungs- und Landwirtschaftssektor bereits routinemäßig zum Einsatz kommen, sind die Hürden in anderen Bereichen wie Lebensmittel- und Kosmetikverpackungen, die besondere Anforderungen an die Qualität der Rezyklate stellen, sehr hoch. Für solch sensible Anwendungen stehen aktuell noch nicht die erforderlichen Mengen und Qualitäten von Sekundärrohstoffen zur Verfügung.

Die Qualität und Sicherheit von Produkten darf jedoch keinesfalls durch den Einsatz von Rezyklaten beeinträchtigt werden. Laut der IK spielt zum einen eine optimierte Abfalltrennung durch den Verbraucher eine tragende Rolle, zum anderen braucht es Investitionen in Hightech-Sortierung und hochwertige Aufbereitung, um die geforderten Mengen zu bewältigen und optimal zu sortieren. Nur durch ein reibungsloses Zusammenspiel aller Beteiligten – vom Konsumenten über den Recycler bis hin zu Herstellern und Verarbeitern – lässt sich langfristig ein stabiler Markt für Rezyklate etablieren.




Herausforderungen für Recycler, Kunststoffhersteller und -verarbeiter

Durch die steigenden Anforderungen an Rezyklatmenge und -qualität steigt nicht nur der Druck auf die Recycler, mehr sortenreines Material herzustellen. Auch die Hersteller und Verarbeiter müssen mehr Rezyklat einsetzen, um künftig Kundenwünschen und gesetzlichen Vorgaben nachkommen zu können. Zum einen müssen Maschinen teilweise nachgerüstet werden, um mehr Materialien verarbeiten zu können, zum anderen bedarf es modernster Materialanalysesysteme, Sortiergeräte und Metallseparatoren, um auch mit minderwertigen Qualitäten umgehen und eventuelle Störstoffe zuverlässig beseitigen zu können.


 

Fazit

Die Begriffe Recyclingquote und Rezyklatanteil werden oft synonym verwendet, haben jedoch unterschiedliche Bedeutungen. Während die Recyclingquote den Anteil an wiederverwerteten Abfällen darstellt, versteht man unter dem Rezyklatanteil den Anteil an Sekundärrohstoffen, die in neue Produkte einfließen. Beides – Recyclingquote und Rezyklatanteil – sind wichtige Faktoren für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft.

Die Recyclingquote ist jedoch nur schwer nachvollziehbar. Bisher wurde alles berechnet, was aus einer Sortieranlage ins Recycling geht. Verluste beim Recyclingprozess, wie etwa die Verbrennung von Störstoffen, wurden bislang bei der offiziellen Quote mit einbezogen. Die Recyclingquote bedingt jedoch unmittelbar die Verfügbarkeit von Sekundärrohstoffen. Je mehr stofflich verwertet wird, desto mehr Material steht für die Herstellung von Rezyklat zur Verfügung. Um den Kreislauf in Schwung zu bringen, muss die Recyclingquote und damit einhergehend auch der Einsatz von Rezyklaten bei der Herstellung neuer Produkte deutlich erhöht werden. Hierfür bedarf es zum einen weiterer Maßnahmen der Politik und zum anderen die Bereitschaft aller Beteiligten, seien es Verbraucher, Recycler, Hersteller oder Verarbeiter, ihren Beitrag zu leisten und an einem Strang zu ziehen.





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